Holcim (Deutschland) AG - 2013-01-07 - OLG-Beschluss - GV

Hanseatisches Oberlandesgericht
Az 13 V/ 2/12
404 HKO 25/11
LG Hamburg
Beschluss
In der Sache

hier: Beschwerde
beschliesst das Hanseatische Oberlandesgericht - 13. Zivilsenat - durch den Vorsitzenden Richter
am Oberlandesgericht die Richterin am Oberlandesgericht und die Richterin am
Oberlandesgericht zur am 7. Januar 2013:
Auf die Beschwerde der Antragsgegnerinnen und unter Zurückweisung der Beschwerde der An-
tragstellerinzu 2 wird der Beschluss des Landgerichts Hamburg vom 20.12.2011 abgeändert:
1.) Die Ausgleichszahlung gern. § 304 Abs. 1 AktG aus dem zwischen den Antragsgegnerinnen
zu 1.) und 2. abgeschlossenen Gewinnabführungsvertrag vom 19.11.2001 wird auf Euro 1,85 (brut-
to) je Aktie abzüglich Körperschaftssteuerbelastung in Höhe des jeweils geltenden gesetzlichen
Tarifs einschliesslich Solidaritätszuschlages sowie weiter abzüglich der durch Anwendung der je-
weils geltenden Steuermesszahl auf den Gewerbeertrag und hierauf des jeweils geltenden Hebe-
satzes ermittelten Gewerbeertragsteuerbelastung festgesetzt.
2.) Die Anträge der Antragsteller auf Festsetzung des Abfindungsbetrages gern. § 305 Abs. 1
AktG auf mehr als Euro 21,50 je Stückaktie werden zurückgewiesen.
Der Abfindungsbetrag ist für die Zeit vom 16.03.2002 bis zurn 31.08.2009 mit jährlich 2 vom Hun-
dert über dem jeweiligen Basiszinssatz nach § 247 BGB, für die Zeit seit dem 01.09.2009 mit
jährlich 5 vom Hundert über dem jeweiligen Basiszinsatz gern. § 247 BGB zu verzinsen.
3.) Die Kosten des Verfahrens 1. Instanz einschliesslich der in erster Instanz entstandenen ausser-
gerichtlichen Kosten der Antragsteller tragen die Antragsgegnerinnen als Gesamtschuldner.
Die gerichtlichen Kosten des Beschwerdeverfahrens trägt die Antragsgegnerin zu 2; eine Erstat-
tung aussergerichtlicher Kosten findet nicht statt.
Die Vergütung für die Tätigkeit des Gemeinsamen Vertreters erster Instanz hat die Antragsgegne-
rin zu 1, diejenige für die zweite Instanz die Antragsgegnerin zu 2 zu tragen.

13 W 2/12
- Seite 4 -
Gründe:
Wegen des Sach- und Streitstandes 1. Instanz wird auf die Ausführungen des angefochtenen Be-
schlusses Bezug genommen.
1.) Die Antragsgegnerinnen wenden sich mit ihrer am 10.01.2012 bei Gericht eingegangenen be-
schwerde gegen die Erhöhung von Abfindungs- und Ausgleichsbetrag durch den ihnen am
28.12.2011 zugestellten Beschluss.
Sie beanstanden zunächst, dass der Zinsausspruch des Landgerichts nicht der gesetzlichen
Regelung entspreche.
Weiter sei die . Heraufsetzung ''des Abfindungsbetrages nach Massgabe des gewichteten
Durchschnittskurses in den drei Monaten vör Bekanntmachung der Strukturmassnahme auf Euro
21,61 je Stückaktie nicht sachgerecht - tatsächlich habe seinerzeit hinsichtlich der Holcim-Ak-
tie Marktenge bestanden. Da tatsächlich im Referenzzeitraum nur 0,0059% der Aktien ge-
handelt worden seien, sei nicht nachvollziehbar, wie das Landgericht auf einen "regen Bör-
senhandel" habe schliessen können. Ebenso unzutreffend sei die Annahme des Landgerichts,
die Bildung von über dem Limit der Dauerkauforder der Antragsgegnerin zu 1 von Euro 21,50 lie-
genden Kursen an nur zwei Handelstagen führe nicht zu der Annahme, dass diese Ausschlä-
ge ohne Bindung an die reale Wertschätzung des Unternehmens am Markt rein spekulativ ge-
bildet worden seien.
Hinsichtlich des Ausgleichsbetrages wenden sich die Antragsgegrierinnen gegen die Anwen-
dung der Grundsätze der sog. "Ytong-Entscheidung" (BGH II ZB 17/01 vom 21.07.2003) durch
das Landgericht.
Tatsächlich sei - in Übereinstimmung mit der herrschenden Ansicht im Schrifttum - weiterhin
von der Nettoberechnung des Unternehmenswertes auszugehen und damit die am Stichtag
zu prognostizierende Definitiv-Steuerbelastung vom Unternehmenswert in Abzug zu bringen.

13 W 2/12
- Seite 5 -
Der vom BGH hinsichtlich der künftigen Körperschaftssteuerbelastung vorgenommene Brut-
toansatz verletze tatsächlich das im Übrigen auch vom BGH stets betonte Stichtagsprinzip
bei der Unternehmensbewertung, ohne dass es hierfür eine tragfähige Begründung gebe.
Selbst wenn man dem Bruttoansatz des BGH folgen wolle, so müsse zumindest auch der
Abzug der Gewerbeertragssteuer in gleicher Weise wie der Abzug der effekitiven Körper-
schaftssteuerbelastung angeordnet werden, da es sich auch bei dieser um eine auf Unter-
nehmensebene anfallende Ertragsteuer handele.
Daneben seien dem Landgericht mehrere Berechnungsfehler unterlaufen; insoweit wird auf
Anl. AGG 14 a - c zum Schriftsatz der Antragsgegnerinnen vom 09.01.2012 Bezug genom-
men.
2.) Die Antragstellerin zu 2 beanstandet mit ihrer Beschwerde gleichfalls die Verzinsungsregelung
des Landgerichts.
Im Übrigen ist sie der Auffassung, dass eine Abfindung von nicht weniger als Euro 22,- anzuord-
nen sei. Tatsächlich sei als Referenzperiode für die Festlegung des Aktienkurses nicht auf
den Zeitraum von drei Monaten vor der ad-hoc-Mitteilung vom 06.122001 (mit der die Struk-
turmassnahme bekannt gemacht wurde) abzustellen, da bis zur beschlussfassenden Haupt-
versammlung am 27.06.2002 fast sieben Monate vergangen seien. Massgeblich abzustellen
sei auf den in der Hauptversammlung im Juni 2002 gefassten Beschluss zur Bestätigung des
Beschlusses vom 28.01.2002, da gern. § 244 AktG derartige Bestätigungsbeschlüsse nicht
rückwirkend sondern nur ex nunc wirkten.
Im Übrigen dürfe ohnehin nicht auf die Grundsätze der "Stollwerck"-Entscheidung abgestellt
werden, da diese Entscheidung aus dem
Jahre
2010 stamme und daher nur mit Rücksicht
auf die extrem lange Dauer des erstinstanzlichen Verfahrens überhaupt anwendbar geworden
sei.
Zudem sei der Basiszins mit 6% zu hoch angesetzt worden, sachgerecht sei abgeleitet aus
der Zlnsstrukturkurve ein, Basiszins von 5,48%, während der Wachstumsabschlag von 1% zu
niedrig angesetzt sei, da er noch unter dem Mittelwert der Empfehlung des ldW von 0,5 - 2%
für das Jahr 2002 liege.
Die Antragsgegnerinnen halten dem entgegen, dass für die Bestimmung des massgeblichen

13 W 2/12
- Seite 6 -
Referenzzeitraumes diejenige Hauptversammlung massgeblich sein müsse, in der erstmals
über den Gewinnabführungsvertrag abgestimmt worden sei. Nur so könne den Grundsätzen
der "Stollwerck"-Entscheidung des BGH Rechnung getragen werden, wonach auf einen von
den durch die Bekanntmachung der Strukturmasspnahme noch unbeeinflussten Börsenwert
abzustellen sei. Zudem sei der Bestätigungsbeschluss im Juni 2002 nur rein vorsorglich im
Hinblick auf erhobene Anfechtunsklagen gefasst worden.
Die Zinssätze habe das Landgericht zutreffend bestimmt.
3.) Die Antragstellerinnen-zw3 und4 -haberrihre Beschwerden unterem 09.07.2012 zurückge-
nommen.
Mit Verfügung vom 02.02.2012 sind sämtliche Beteiligte des Verfahrens erster Instanz über
die Einleitung des Beschwerdeverfahrens informiert worden, in der Folge haben lediglich die
Antragsteller/innen zu 1, 6 und 7 die Zurückweisung der Beschwerden der Antragsgegnerin-
,
nen beantragt, in der Folge jedoch nicht weiter vorgetragen. Der Prozessbevollmächtigte der
Antragstellerin zu 13 hat sich zur Akte gemeldet, jedoch gleichfalls nicht weiter vorgetragen.
Die zulässigen Rechtsmittel der Antragsgegnerinnen haben teilweise Erfolg, die Beschwerde der
Antfag'stellefin zü 2 ist'iurübiczt:WAeri:
Obwohl nunmehr durch § 5 Nr. 1 i.V.m. § 1 Nr. 1 SpruchG klargestellt ist, dass Antragsgegnerin
des Spruchverfahrens im vorliegenden Fall der Überprüfung einer Abfindung bzw. eines Aus-
gleichs gern. §§ 304, 305 AktG nur die Antragsgegnerin zU 2 ist und das Beschwerdeverfahren
gern. § 17 Abs. 2 S. 2 SpruchG neuem Recht folgt, ist auch die Beschwerde der Antragsgegnerin
zu 1 als statthaft und zulässig zu behandeln, da - nach alter Rechtslage zutreffend - auch sie
durch den Tenor der landgerichtlichen
, Entscheidung verpflichtet wurde.
1.) Die Abfindung 'gern. § 304 AktG ist nicht höher als mit dem im Gewinnabführungsvertrag fest-

13 W 112 -_Seite . 7 -
gelegten Betrag von 21,50 je Aktie anzusetzen.
Der Senat folgt dem Vorbringen der Antragsgegnerinnen darin, dass nicht auf den leicht höher
liegenden gewichteten Durchschnittskurs von Euro 21,61 abzustellen ist, den das Landgericht
herangezogen hat.
Die Antragsgegnerinnen haben bewiesen, dass dieser gewichtete Durchschnittskurs tatsäch-
lich nicht dem Verkehrswert entsprach, da während des Referenzzeitraumes praktisch kein
Börsenhandel stattgefunden hatte.
Ausweislich der Daten der "Deutschen Börse" (Anl. AGG 9 und AGG 11) wurden zwischen
dem 6.09. .,und dem, 6.12.2001-, an den -Börsemin- Berlin, - Düsseldorf; Frankfurt und Harnburg
insgesamt 4.407 Holcim-Aktien gehandelt, wobei eine Order in Düsseldorf am 6.12.2001
über 320 Aktien zu Euro 23,- bereits nach Bekanntgabe des Gewinnabführungsvertrages im We-
ge der ad-hoc-Mitteilung (Anl. AGG 8) an diesem Tage erfolgte und daher nicht zu berück-
sichtigen ist.
Der Referenzzeitraum ist damit zutreffend bestimmt: Mt den Grundsätzen der "Stoll-
werck"-Entscheidung (BGH fi ZB 18/09 vom 19.07.2010) ist auf die drei Monate vor Bekannt-
gabe der Strukturmassnahme abzustellen. Nur die von gerade durch die Strukturmassnahme
ausgelösten Spekulationen unbeeinflusste Marktkapitalisierung ist geeignet, die talsächlichen
Erwartung des Marktes an das Unternehmen und damit den wahren inneren Wert der Aktie
wiederzuspiegefn. Aus eben diesem Grunde ist es auch - entgegen der Auffassung der An-
tragstellerin zu 2 - ohne Belang, dass auf einer Hauptversammlung im Juni 2002 ein Be-
schluss über die Bestätigung des ursprünglichen Beschlusses über den Gewinnabführungs-
vertrag vom 28.01.2002 gefasst wurde. Entscheidend ist,.dass von der Strukturmassnahme
unbeeinflusste Daten zur Marktkapitalisierung nach Bekanntwerden der Massnahme am
06.12.2001 nicht mehr vorlagen, womit auch dahinstehen kann, ob tatsächlich erst dem Be-
schluss vom 27.06.2002 konstitutive Wirkung zukam.
Von den 4.087 (s.o.) zu berücksichtigenden Aktien wurden 40 zu 24,-, 40 zu 24,50 und 40
zu Euro 25 gehandelt. Der gesamte Rest von 3.987 Aktien wurde zu 21,50 verkauft und damit
offenbar auf Grund der - unstreitig - von der Antragsgegnerin zu 2 erteilten auf diesen Preis li-
mitierten Dauer-Kauforder gehandelt, was sich im Übrigen auch daraus ergibt, dass an allen
vier Börsen nahezu durchgängig Geldkurse in Höhe von eben Euro 21,50 festgesetzt wurden.
Damit wurden im Referenzzeitraum insgesamt lediglich 0,022% des Aktienbestandes der

13W2112
- Seite 8 -
Holcim AG gehandelt und davon lediglich 0,00065% zu einem Preis, der über dem praktisch
von der Antragsgegnerin gestellten Wert lag.
Damit kann nach Auffassung des Senats von einem nennenswerten Börsenhandel nicht die
Rede sein, insbesondere zeigt schon der Umstand, dass die Preisbildung fast ausschliesslich
auf der Dauerorder der Antragsgegnerin zu 1 beruhte, dass hier von einer echten Marktpreis-
bildung nicht die Rede sein konnte.
In der Tat wäre den aussenstehenden Aktionären ein Deinvestment zu 21,50 ohne Weiteres
möglich gewesen, der Handel minimaler Stückzahlen an nur drei Tagen zu etwas höheren
Kursen lässt es jedoch als praktisch ausgeschlossen erscheinen, dass auch nur ein minima-
ler Bruchteil aller weiteren aussenstehenden Aktien - nach den zutreffenden Feststellungen
des Landgerichts etwa 502.000 Stück - tatsächlich zu mehr als 21,50 hätte veräussert wer-
den können - denn auch bezogen auf die Summe des aussenstehenden Aktien wurden nur
0,024% zu mehr als 21,50 gehandelt.
Vor dem Hintergrund, dass der tatsächliche Unternehmenswert je Aktie deütiich unter 21,50,
nämlich bei 21,08 lag (s.u.), geht der Senat daher davon aus, dass der gewichtete Durch-
schnittskurs auf Gund extremer Marktenge im Referenzzeitraum den wahren Verkehrswert
der Holcim-Aktie nicht widerspiegeln konnte.
Es verbleibt daher bei dem im Gewinnabführungsvertrag festgelegten Abfindungsbetrag von Euro
21,50 je Aktie, womit die Anträge auf Festsetzung einer höheren Abfindung zurückzuweisen
sind.
Zu korrigieren, ist zugleich"der Zinsausspruch: Gern.
.§ 20 Aes. 5 EAktG i.V.m. ,§ 305 Abs. 3
S. 3 AKtG a.F. beträgt der Znsfuss für die Zeit vom 16.03.2002 bis zum 31.08.2009 2%-Punkte
über Basiszins, für die Zeit seither gern. § 305 Abs. 3 S. 3 AktG n.F. i.V.m. § 20 Nr. 5 EGAKtG
5%-Punkte über Basiszins.
2.) Auch der Ausspruch zum festen Ausgleichsbetrag ist zu berichtigen.
a) Zutreffend hat allerdings das Landgericht die Grundsätze der sog. "Ytong"-Entscheidung
(BGH NJW 2003, 3272) des BGH angewandt, auch der Senat hält an den Grundsätzen dieser
Rechtsprechung fest.
Allerdings ist nicht zu verkennen, das tatsächlich dass ansonsten die Bemessung auch des

13W2/12 - Seite 9 -
Ausgleichsbetrages beherrschende Stichtagsprinzip durchbrochen wird, indem der tatsächli-
che Auszahlungsbetrag von Faktoren abhängig gemacht wird - nach BGH zumindest dem je-
weils geltenden KöSt-Tarif - die zum Zeitpunkt des Wirksamwerdens des Unternehmensver-
trages eben gerade noch nicht feststehen.
Mit dem BGH (aaO., Rz. 12, zitiert nach juris) ist der Senat jedoch der Auffassung, dass nur
in dieser Weise die von Verfassungs wegen unabdingbare volle Entschädigung der Minder-
heitsaktionäre gesichert werden kann. Nur über die hinsichtlich der effektiven Steuerbelastung
variable Bestimmung des Ausgleichs kann einerseits sichergestellt werden, dass von einer
Senkung der Steuerbelastung (wie im vom BGH zu beurteilenden Sachverhalt) nicht nur die
Mehrheitsaktionäre bzw. das herrschende Unternehmen profitieren bzw. eine Erhöhung der
Steuerlast auf Unternehmensebene den Anspruch der Ausgleichsberechtigten angemessen
mindert.
Da es bei der Bemessung des Anspruchs nach § 304 AktG - anders als etwa bei der Bestim-
mung der Abfindung nach squeeze out - um die Festlegung ggf. langjährig zu zahlender und
nicht einmalig anfallender Beträge geht, ist es geboten, jedenfalls solche Veränderungen in
der tatsächlichen Ertragslage auch nachträglich zu berücksichtigen, die - wie etwa die Höhe
des KöSt-Satzes - letztiich von hoher Händ willkürlich Verfügt werden können. Eben in diesem
Punkt unterscheidet sich die effektive Steuerlast, auch wenn sie sich betriebswirtschaftlich
als ein Aufwandsposten unter vielen darstellt, deutlich von den zahlreichen anderen Faktoren
für die Bemessung des Ausgleichsanspruches, die - wie etwa die gewöhnlich angesetzten
Kapitalisierungszinssätze, der durchschnittliche Investitionsaufwand eines Unternehmens
oder auch seine durchschnittliche Produktivität - sich gleichfalls nachträglich (bezogen auf die
zum Stichtag angestellte Prognose) als unzutreffend erweisen können. Denn während diese
Faktoren (wenn auch Mit allen Unwägbarkeiten des Prognose-Verfahrens) bezogen auf den
Stichtag immerhin mit einer gewissen Plausibilität ermittelt und geschätzt werden können,
womit es auch vor dem Hintergrund der Gewährleistung des Art. 14 GG gerechtfertigt ist, sie
einmalig auf den Stichtag festzusetzen, gilt dies für künftige Änderungen von Steuersätzen
keinesfalls. Es ist offensichtlich, dass die von vielfältigen finanz- und wirtschaftspolitischen
Erwägungen abhängigen Festlegungen der Steuersätze, die sich etwa im Falle eines Regie-
rungswechsels drastisch ändern mögen, von niemandem auch nur ansatzweise verlässlich
prognostiziert werden können.
Dass es im Hinblick auf die Vielfalt möglicher Änderungen der steuerlichen Rahmenbedingun-
gen (insbesondere hinsichtlich der Bemessungsgrundlage) letztlich nicht möglich ist, den fe-

13W2/12
Seite 10 -
sten Ausgleich im Hinblick auf jede mögliche denkbare gesetzliche Änderung auf dieser Ebe-
ne variabel zu fassen (vgl. etwa Baldamus, Der Einfluss der Körperschaftssteuer auf den
sog. festen Ausgleich nach § 304 Abs. 2 S. 1 AktG, AG 2005, 77, 83), steht der durch Art. 14
GG geforderten Berücksichtigung von Veränderungen des KöSt-Satzes nicht entgegen, da
nur so jedenfalls eine weitere Annäherung an die Bestimmung eines gerechten Ausgleiches
erreicht werden kann.
Allerdings greift diese Argumentation auch hinsichtlich der Solidaritätszuschlages und der Ge-
werbeertragesteuer: Ersterer ist ein blosser Zuschlag zur KöSt. und schwankt daher mit die-
ser, letztere ist auf Grund der gemeindlichen Kompetenz zur Bestimmung des Hebesatzes
noch deutiich'"anfälliger" für,nicht zu prognostizierende, durch die öffentliche Hand "willkürlich"
veranlasste Änderungen.
Demzufolge waren auch diese beiden Faktoren bei der Tenorierung des festen Ausgleichs als
variable Abzugsposten zu berücksichtigen (vgl. hierzu: Baldamus aaO., S. 83; Schmidt-Lut-
ter, AktG, 2. Aufl. 2010, § 304, Rn. 90; Grosskommentar-AktG-Hasselbach/Hirte, 23. Lfg. 2005,
§ 304, Rn. 159).
Ausgehend hiervon steilt sich sodann der von den Antragsgegnerinnen beanstandete Nichtab-
zug der Gewerbeedragsteuer bei der Ermittlung der Jahresüberschüsse durch das Landge-
richt (wie Anlage 2 zum angefochtenen Beschluss zu entnehmen), als sachlich zutreffend
dar. Ebenso konsequent ist es zugleich - eben zur Gewährleistung der "Bruttodividende" - bei
der Berechnung des Ausgleichs auch die persönliche Einkommenssteuer nicht (mit einem
Durchschnittssatz) abzuziehen und schlicht an das Bruttoergebnis vor Steuern, also auch
ohne Berücksichtigung der Minderheitenanteile, anzuknüpfen (deren Berücksichtigung im Üb-
rigen nach Diskontierung ohnehin nicht zu einer Erhöhung des Ausgleichsbetrages führen
würde).
b) Bezüglich der Schätzung der künftigen Ertragslage sind Einwendungen im Beschwerde-
verfahren nicht geltend gemacht worden; der Senat folgt insoweit den Ausführungen der Kam-
mer, in der Tat haben sich die von den Wirtschaftsprüfern bestätigten Zahlen des Unterneh-
mens in den Jahren 2002 und 2003 als noch deutlich zu optimistisch erwiesen. Damit be-
steht keinerlei Ansatzpunkt für die Annahme, dass die Prognose zu Lasten der Minderheitsak-
tionäre etwa zu pessimistisch gefasst worden sein könnte.
c) Auch hinsichtlich der Bestimmung des Kapitalisierungszinssatzes folgt der Senat der Argu-
mentätion des Landgerichts.

13W2112
- Seite 11 -
Bezogen auf die Bestimmung des Basiszinssatzes hält der Senat an seiner ständigen Recht-
sprechung fest, dass den zum Stichtag geltenden Empfehlungen des ldW mit Rücksicht auf
die Bewertungspraxis der befassten Wirtschaftsprüfer erhebliche Bedeutung zukommt; je-
denfalls für einen so weit vor der Umorientierung der Praxis auf die Ableitung des Basiszins-
satzes aus der Zinsstrukturkurve liegenden Stichtag ist damit der Ansatz eines Wertes von
6% entgegen dem Beschwerdevorbringen der Antragstellerin zu 2 nicht zu beanstanden.
Gleiches gilt für die schlüssig begründete Festlegung des Risikozuschlages mit 3% und des
Wachstumsabschlages in der ewigen Rente mit 1%: Beide Werte werden durch die tatsächli-
che - negative - Entwicklung der Unternehmenserträge in den Jahren 2002 und 2003, die ei-
hereits .inhärentes; ungl..andererseits" gegen "eine "weitergehende
Möglichkeit zur vollständigen Abwälzung der Inflation über die Preise sprechen.
d) Entgegen der Auffassung der Antragsgegnerinnen (vorgetragen mit Ani. AGG 14a) ist dem
Landgericht bei der Berechnung der Ab- bzw. Aufzinsung kein Fehler unterlaufen.
Der Barwert der für die ewige Rente anzusetzenden Erträge von jährlich 36.925 ist vom
Landgericht ausgehend von einem Zinssatz von 8% zutreffend mit dem Faktor 12,5 auf TEuro
461.563 ermittelt worden, dieser.Wertiesociann,richtigauf ,ogs Ende des letzten Planjahres
mit einem Abzinsungsfaktor von 0,73503 (vgl. etwa Abzinsungstabelle bei
http://www.tu-chemnitz.de/wirtschaft/bwIl/ub/fintab.pdf) abzuzinsen, womit sich ein Barwert
von TEuro 339.262 ergibt. Die von den Antragsgegnerinnen vorgelegte Berechnung (Ani. AGG
14a) setzt falsch den Abzinsungsfaktor für einen Zinsfuss von 9% an, während - wie oben aus-
geführt - für die ewige Rente richtig ein Wachstumsabschlag von 1% vorzunehmen und daher
mit 8% zu rechnen ist.
Der Ertrag der Planjahre von TEuro111.082 ist mit 9% für 28 Tage aufzuzinsen (Faktor 1,007000
TEuro111.860), der Ertrag der Ewigen Rente von TEuro 339.262 Wir den gleichen Zeitraum mit 8%
(Faktor 1,006222 = TEuro 341.373). Damit ergibt sich ein Ertragwert von TEuro 453.233.
Dieser Betrag ist - wie vom Landgericht überzeugend dargelegt - mit einem zwischen risikolo-
sem Basiszins und tatsächlichem Kapitalisierungszinssatz liegenden Zinsfuss, hier also 7,5%
zu verrenten, womit sich ein jährlicher Bruttodurchschnittsgewinn von TEuro 33.992 und damit
verteilt auf 18.410.000 Aktien ein Ausgleichsbetrag von Euro1,85 ergibt.
3.) Anlass zu einer Korrektur der Kostenentscheidung des Landgerichts besteht nicht: Jedenfalls