LINOS AG - 2013-08-07 - LG-Beschluss - Squeeze-out

Landgericht Hannover
Geschäfts-Nr.:
22 AktE 63/09
Beschluss
In dem Spruchverfahren

gegen
hat die 2. Kammer für Handelssachen des Landgerichts Hannover durch den
Vorsitzenden Richter am Landgericht den Handelsrichter und den
Handelsrichter am 7. August 2013 beschlossen:
Die Antiäge der Antragsteller zu 22. 24.
51 .. und 73.
werden zurückgewiesen.
Die Antragsgegnerin zu 2, hat die Kosten des Verfahrens zu tragen.
Die Kosten der ursprünglichen Antragsgegnerin zu 1. werden den
Antragstellern zu 1. bis 4. auferlegt.
Aussergerichtliche Kosten der Antragsteller zu 22., 24., 51. und 73.
werden nicht erstattet.

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Die Antragsgegnerin zu 2. trägt ihre aussergerichtlichen Kosten selbst,
ebenso die Auslagen und Vergütung des gemeinsamen Vertreters
gemäss § 6 Abs. 2 SpruchG.
Der Gegenstandswert für das Verfahren wird auf 200.000,00 EUR
festgesetzt.
Gründe
Die Antragsteller waren Aktionäre der LINOS Aktiengesellschaft in Göttingen (frühere
Antragsgegnerin zu 1.), die mit der Entwicklung, Herstellung und dem Verkauf von
optischen, elektronischen und feinmechanischen Produkten sowie, dem Erwerb, dem
Halten und der Verwaltung von Beteiligungen an und der Beratung von
technokigieorientierten Unternehmen befasst gewesen ist. Die Antragsgegnerin zu
2., deren einzige Gesellschafterin ihren .Sitz in Luxemburg hat,
schloss am 19.120. Dezember 2007 einen Beherrschungs- und
Gewinnabfindungsvertrag mit der LINOS Aktiengesellschaft und verlangte als
Hauptaktionärin der LINOS mit Schreiben vom 2. April 2008 von der
Aktiengesellschaft die Übertragung der Aktien der Minderheitsaktionäre.
Im Auftrag der Antragsgegnerin zu 2. erstellte die
-
eine gutachtliche Stellungnahme vom 25. Juni 2008
zum Unternehmenswert der LINOS Aktiengesellschaft. Das Gutachten gelangte zu
dem Ergebnis, dass sich bei einem Unternehmenswert von 99.175.000 EUR auf der
Basis der aktuellen Aktienzahl von 5.511.999 Stück ein Wert von 17,99 EUR je Aktie
ergebe. Da der Drei-Monats-Durchschnittskurs der börsennotierten Aktien in der Zeit
vom 3. Januar 2008 bis zum 2. April 2008 - dem letzten Handelstag vor Bekanntgabe
des Squeeze-out-Verlangens - 22,97 EUR betragen habe, sei auch die
angemessene Barabfindung je Aktie auf 22,97 EUR festzusetzen.
Die vom Gericht - Landgericht Hannover, Az. 23 AktE 85/08 - bestellte Prüferin
(verantwortlich:
. .
gelangte in ihrem Bericht vom 30. Juni 2008 zu dem Ergebni,
dass die von der Hauptaktionärin angestrebte Barabfindung in. Höhe von 22,97 EUR
je Stückaktie angemessen sei.
Die ordentliche Hauptversammlung der LINOS AG beschloss am 26. August 2008
die Übertragung der Aktien der Minderheitsaktionäre für 22,97 EUR für jede auf den
Inhaber. lautende Stückaktie der Gesellschaft auf die Antragsgegnerin zu 2.
Der Übertragungsbeschluss ist am 23. Juli 2009 in das Handelsregister - Amtsgericht
Göttingen - eingetragen worden, die Veröffentlichung der Eintragung geschah am 27.
Juli 2009.
Die LINOS Aktiengesellschaft ist nach Durchführung des Übertragungsverfahrens am
22. Dezember 2009 in eine GmbH umgewandelt und am 28. Juni 2010 in Qioptiq

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GmbH umfirmiert worden. Schliesslich ist sie mit Eintragung bei der übernehmenden
Gesellschaft am 9. Juni 2011 auf mit Sitz in
Göttingen verschmolzen worden und damit ohne Abwicklung erloschen.
In dem vorliegenden Spruchverfahren haben zahlreiche Aktionäre eine höhere
Barabfindung gemäss § 327 b AktG verlangt. Die Kammer hatte ursprünglich die den
Beteiligten mitgeteilte Absicht, eine umfassende Neubewertung der LINOS. AG
vornehmen zu lassen. Mittlerweile haben die meisten Antragsteller und der
gemeinsame Vertreter der nicht am Verfahren beteiligten Aktionäre einen Vergleich
mit der Antragsgegnerin zu 2. geschlossen. Dies ist mit dem Beschluss vorn
7. August 2013 festgestellt worden.
Die Antragsteller zu 1. bis 4. haben ihren Antrag gegen die Antragsgegnerin zu 1.
zurückgenommen.
Die Anträge der Antragstellerin zu 23. 67. und
68. sind als unzulässig zurückgewiesen worden.
Im streitigen Spruchverfahren sind die Antragsteller zu 22., 24., 51. und 73.
verblieben.
III.
Sie stützen ihr Erhöhungsverlangen auf folgende Einwendungen:
Antragsteller zu 22.
Ertragswert:
- Die Planung sei zu vorsichtig ausgelegt.
- Die Materialaufwandsquote verschlechtere sich in der Planung dramatisch;
betriebswirtschaftlich mache die Planung (mehr Zukäufe zum Zwecke der
Fixkostenreduzierung) keinen Sinn, denn sie führe dazu, dass sich die
Umsatzzuwächse nicht angemessen im Ergebnis niederschlügen.
- Es sei auch gar nicht erkennbar, an welcher Stelle die genannte
Fixkostenreduzierung erfolgen solle.
- Die sonstigen betrieblichen Aufwendungen seien ebenfalls unvertretbar stark
ansteigend geplant, insbesondere, wenn man berücksichtige, dass in 2009 einmalige
Kosten für den Umzug der Produktionsstätte in München enthalten seien (978 TEUR,
S. 44 des -Gutachtens).
- Eine Margenerosion von 15,1 % auf 13,9 % sei angesichts der doch nennenswert
steigenden Umsätz nicht akzeptabel; Skaleneffekte seien gänzlich unberücksichtigt
geblieben.
Der Kapitalisierungszinssatz sei unzutreffend:

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- Eine MarktriSikoprämie von 5,0 % sei unrealistisch.,
- Aus nicht nachvollziehbaren Gründen werde der unternehmenseigene Betafaktor
nicht angewendet; die Unternehmen der Peer-Group seien untereinander und auch
mit Linos nichtvergleichbar.
- Von der EZB werde zum Stichtag eine Inflation von 2 % für den Euroraum
angestrebt, weshalb ein Wachstumsabschlag von 1,5 % die zu erwartende Inflation
nicht auffangen könne. .
Nicht betriebsnotwendiges Vermögen:
Es überrasche, dass ein solches nicht vorhanden sein solle, wo zum .31.12.2007
liquide Mittel in Höhe von 11,3 Mio EUR vorhanden gewesen seien, die ganz
offensichtlich nicht für das operative Geschäft benötigt würden. Der Hinweis auf
Verpfändung zur Absicherung von Bankdarlehen sei nicht recht nachvollziehbar, weil
zum 31.12.2007 Bankdarlehen nur mit 10,6 Mio -EUR valutiert hätten. Es sei auch
nicht erkennbar, warum die Tilgung der Bankdarlehen nicht als günstigere Variante in
die Bewertung einbezogen worden sei und welche Erträge mit der als Sicherheit
hinterlegten Überschussliquidität erwirtschaftet würden.
Antragstellerin zu 24.
- entsprechend 22. und 23. mit folgender. Ergänzung:
Vergleich mit Emissionspreis:
die Aktie sei im Juli 2000 zu einem Preis von 27 EUR an die Börse gebracht worden;
zum Bewertungsstichtag, habe das Unternehmen Umsätze von 99,8 Mio EUR (+28
%) und einen Jahresüberschuss von 6,5 Mio EUR (+490 %) erzielt. Ein Aktienwert
von 22,97 EUR sei daher völlig abwegig.
Antragstellerinnen zu 51.
Börsenkurs:
Der Börsenkurs während eines Zeitraumes von drei Monaten vor der
Hauptversammlung sei zu Unrecht nicht berücksichtigt worden.
Ertragswert:
- Die Ausführungen zur Frage, in welcher Weise der seit 2007 bestehende
Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag die Bewertung beeinflusst habe,
seien unklar (S. 38). Wenn dies bedeuten solle, dass bei der Planung alle denkbaren
negativen Weisungen berücksichtigt worden seien, dann erübrige sich eine
Bewertung, da durch negative Weisungen die Ertragskraft völlig beseitigt werden
könne.

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- Es sei falsch, eine Umlage der Steuerbelastung vom Organträger an die Organe
zugrunde zu legen, wenn am Stichtag eine entsprechende Weisung nicht erteilt
gewesen sei.
- Synergien seien zu einem grossen Teil zu Unrecht nichtberücksichtigt worden. Im
Einzelnen würden folgende Wachstums- und Synergiepötenziale aenannt, die sich
aus der Zusammenführung der Linos Gruppe und der ergäben:
Bündelung von Einkauf und Produktion, Vertrieb und Marketing, Bündelung von
Forschung und Entwicklung.
- Bei der Berechnung des Finanzergebnisses seien die gesamten Belastungen, die
ausschliesslich im Interesse der Muttergesellschaft übernommen worden seien,
berücksiöhtigt. Das sei höchstens dann vertretbar, wenn die Synergieeffekte, die
dadurch zustande kämen, dass damit die Linos AG ihre Mutter vor der Insolvenz
gerettet habe, der Linos AG teilweise zugerechnet würden.
- Die Beurteilung des Finanzergebnisses sei wegen der mangelhaften Darstellung für
den Aussenstehenden nicht nachvollziehbar.
Kapitalisierungszinssatz:
Eine Marktrisikoprämie von 5 % nach Steuern sei nicht plausibel gemacht.
Antragsteller zu 73.
Eier Bericht des gerichtlichen Prüfers sei unzureichend, weil der Prüfer eigene
Prüfungshändlungen unterlassen habe.
Ertragswert:
- Die Planungsgrundlagen der Antragsgegnerin litten unter nicht nachvollziehbaren
Schwankungen insbesondere der Kostenquoten währen der Detailplanungsphase
(Phase I) und der nur über das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen
(EBITDA) dargestellten Ableitung des operativen und nachhaltigen Ergebnisses
(Phase II).
-
Mit der verkürzten Darstellung der Kostenpositionen solle verschleiert werden, dass
die Materialeinsatzquote - Verhältnis des Materialaufwands zur Gesamtleistung - von
33 % im Basisjahr 2007 bis auf 40,2 . % im letzten Jahr der Detailplanungsphase
ansteige. Dies entspreche bei einer geplanten Steigerung der Gesamtleistung von
61,5 % einer überproportionalen Steigerung der Materialeinsatzquote von 112,9 %.
Der Prüfer gebe hierfür keine Begründung. Auch soweit der Bewertungsgutachter
den auslaufenden. Türkei-Auftrag zur Begründung der Steigerung der
Materialeinsatzquote anführe, vermöge diese Begründung nicht zu überzeugen.
Denn wie der Bewertungsgutachter bereits bei der Darstellung der Ertragslage der
Gesellschaft in der Vergangenheit ausführe, habe dieser Auftrag schon in' den
Jahren 2005 bis 2007 erheblichen Umsatzschwankungen unterlegen, ohne dass sich
dies in entsprechenden Schwankungen der Materialeinsatzquote niedergeschlagen

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habe. Ebenso sei die weiter vorgebrachte Begründung, dass verstärkt Produkte oder
Vorprodukte über Zukäufe bezogen würden und dies zu geringeren Fixkosten und
PersonalaufwandSquoten führen würde, vor dem Hintergrund der Planzahien der
Gesellschaft nicht haltbar. Denn die durchschnittliche Steigerung der Personalkosten
in Höhe von 7,5 % pro Jahr lasse ein Absinken der Personalaufwandsquote
insbesondere in den Jahren 2010 bis 2012 nicht in der Relation erkennen, wie die
Materialeinsatzquote ansteige. Ein Absinken der Fixkosten sei der Berechnung
schon gar nicht zu entnehmen.
- Überhaupt seien die zum Teil erheblichen Schwankungen der Kostenpositionen der
Planungsrechnung erklärungsbedürftig.
Der Kapitalisierungszinssatz sei unzutreffend:
- Das .CAPM-Modell sei zur Ermittlung des angemessenen Risikozuschlages
ungeeignet. Es dürfte hier ein Risikozuschlag von höchstens 3 bis 4 % anzusetzen
sein.
- Marktrisikoprämie und Betafaktor seien zu hoch. Die Antragsgegnerin lehne die
Berücksichtigung des .gesellschaftseigenen Betafaktors mit nicht überzeugender
Argumentation ab. Die Peer-Group sei willkürlich ausgewählt.
Nicht betriebsnotwendiges Vermögen:
Eine Prüfung der Vollständigkeit der nicht betriebsnotwendigen Vermögenswerte
habe nicht stattgefunden. Anders lasse es sich nicht erklären, dass nur die im
Jahresabschluss 2007 offen ausgewiesenen Ertragssteuererstattungsansprüche in
Höhe von 40 TEUR und eine Beteiligung zum Buchwert angesetzt Worden seien.
Es sei auch keine Prüfung der Bewertung der Beteiligung an der
"Ausbildungszentrum optische Technologien GmbH" erfolgt.
Es fehlten Ausführungen darüber,' ob die bei der LINOS Reale Estate GmbH
ausgewiesenen Grundstücke und Gebäude säMtlich betriebsnotwendig seien.
Börsenkurs:
Es sei der Börsenkurs der letzten drei Monate vor der beschliessenden
Hauptversammlung als Wertuntergrenze der Barabfindung zu ermitteln. Dieser
betrage.nach eigenen Berechnungen 23,95 EUR.
Die Antragsteller zu 22. und 24. beantragen,
1. Die angemessene Abfindung wird durch das Gericht ermittelt und
festgesetzt.
2. Die Barabfindung wird verzinst.
3. Die Antragsgegnerin trägt die Gerichtskostendes Verfahrens sowie
die den Antragstellern durch das Verfahren entstehenden
aussergerichtlichen Kosten.

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Die Antragstellerin zu 51. beantragt,
1. Das Gericht möge die angemessene Barabfindung festsetzen, die
gem. § 327 a ff AktG geschuldet wird aufgrund der Übertragung der
Aktien der Linos AG auf die Antragsgegnerin. Es wird beantragt, die
Abfindung höher festzusetzen als 22,97 EUR je auf den Inhaber
lautende Stückaktie;
2. die unter 1. genannte Barabfindung ist nach Ablauf des Tages; an dem
die Übertragung der Aktien auf die Hauptaktionärin im Handelsregister
eingetragen worden ist bis zum 31.08.2009 mit 2 von 100 über dem
jeweiligen Basiszinssatz gemäss § 247 BGB und für die Zeit ab dem
01.09.2009 mit jährlich 5 von 100 über dem jeweiligen Basiszinssatz
gemäss § 247 BGB zu verzinsen;
3.
die Kosten des Verfahrens trägt die Antragsgegnerin. Insbesondere
möge vom Gericht angeordnet werden, dass die Antragsgegnerin der
Antragstellerin die zur zweckentsprechenden Erledigung der
Angelegenheit notwendigen Kosten zu erstatten hat.
Der Antragsteller zu 73. beantragt,
eine angemessene Barabfindung für die Aktien der ausgeschiedenen
Minderheitsaktionäre der LINOS Aktiengesellschaft, Königsallee 23,
37081 Göttingen gemäss § 327 f Satz 2 AktG zu bestimmen.
Die Antragsgegnerin beantragt,
die Anträge zurückzuweisen.
Sie tritt sämtlichen Rügen der Antragsteller entgegen. Auf ihren Schriftsatz vorn 4.
März 2010 wird Bezug genomMen.
IV.
Die Bewertungsrügen der Antragsteller zu 22., 24., 51. und 73. lassen im Ergebnis
nicht erkennen, dass die Barabfindung unzureichend bemessen ist. Die auf eine
Erhöhung der Abfindung gerichteten Anträge sind deshalb zurückzuweisen (§ 327 f
AktG).
Von der Einholung eines Sachverständigengutachtens sieht die Kammer ab, weil sie
im Rahmen der Schätzung nach § 287 Abs. 2 ZPO auf der Grundlage des
Ergebnisses der sachverständigen Prüfung entscheiden kann. Der im Gesetz über
das Verfahren in Familiensachen und in den Angelegenheiten der freiwilligen
Gerichtsbarkeit (FamFG). vorherrschende Amtsermittlungsgrundsatz gilt im
Spruchverfahren eingeschränkt. Eine Amtsermittlungspflicht besteht nur dann, wenn
der nach § 4 SpruchG zu führende Vortrag der Beteiligten Anlass zur Amtsermittlung
gibt (Weingärtnerin: Heidel, Aktienrecht und Kapitalmarktrecht, 3. Auflage 2011; § 17
SpruchG, Rdnr. 1 m.w.N.). Das ist hinsichtlich der im streitigen Verfahren
verbliebenen Antragsteller nicht der Fall.

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V.
Die Angemessenheit der Barabfindung eines aussenstehenden Aktionärs nach
Übertragung ihrer Aktien auf den Hauptaktionär hängt nach § 327 b Abs. 1 AktG
davon ab, ob der gewährte Betrag die Verhältnisse der Gesellschaft im Zeitpunkt der
Beschlussfassung ihrer Hauptversammlung berücksichtigt.
Hierbei kommt es auf den Wert des Unternehmens an, an dem sich die
aussenstehenden Aktionäre beteiligt haben. Dieser richtet sich entsprechend der
heute herrschenden Auffassung der Betriebswirtschaftslehre nach dem Ertragswert,
nicht dagegen nach dem Substanzwert. Die Unternehmensbewertung nach der
Ertragswertmethode ist auch in der Rechtsprechung allgemein anerkannt.
Der Ertragswert ergibt sich aus einer Errechnung der zukünftig zu erwartenden
Gewinne auf der Grundlage einer Vergangenheitsanalyse. Hierauf aufbauend ist eine
Zukunftsprognose zu erstellen, in der üblicherweise die verschiedenen Phasen der
Unternehmensplanung berücksichtigt werden, an die sich dann die sogenannte
ewige Rente, also die auf Dauer angelegte Zukunftsprognose, anschliesst. Es liegt
auf der Hand, dass solche Einschätzungen erheblichen Unsicherheiten unterliegen.
Der auf diese Weise ermittelte Ertragswert des Unternehmens ist auf den Stichtag
der Hauptversammlung hin zu kapitalisieren.
Allerdings verlangt die Rechtsprechung die Berücksichtigung des Börsenkurses,
sofern dieser den Verkehrswert dieser Aktie widerspiegelt. Grundsätzlich stellt der
Börsenkurs die Untergrenze der zu gewährenden Barabfindung dar.
Diese Grundsätze beachten sowohl die gutachtliche Stellungnahme der
vom 25.
Juni 2008 als auch der Prüfungsbericht der vom
30. Juni 2008. Danach lag der Werteiner Aktie zum Stichtag der Hauptversammlung
je nach Berücksichtigung des vorgelagerten Beherrschungs- und
Gewinnabführungsvertrages bei 16,34 EUR bzw. 17,99 EUR. Im Hinblick auf den
Börsenkurs während eines Referenzzeitraumes von drei Monaten vor der
Bekanntgabe der beabsichtigten Massnahme haben die Gutachter eine Barabfindung
von 22,97 EUR befürwortet.
Dieser Betrag ist auch von der Hauptversammlung der LINOS AG beschlossen
worden.
Der Unternehmenswert der LINOS AG war für den 6. Februar 2007 . - den Tag der
Hauptversammlung, an dem der Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag
beschlossen worden ist - noch auf 91.168.463,46 EUR geschätzt worden, dagegen
auf 99.175.000,00 EUR zum. 26.-August 2008, dem Zeitpunkt der Aktienübertragung
- auf den Hauptaktionär, was bereits eine Erhöhung um 8,77 % bedeutet. Die von der
Hauptversammlung beschlossene Barabfindung liegt um weitere 27,7 % über dem
Bewertungsergebnis vom Juni 2008.

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VI.
Die Angriffe gegen die Unternehmensplanung der LINOS AG gehen insöweit fehl als
sie jedenfalls nicht geeignet sind, zu einem mehr als 27,7 % höheren
Unternehmenswert zu führen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Planung als ein
in die ungewisse Zukunft gerichtetes Programm ohnehin nur sehr beschränkt einer
Überprüfung unterzogen werden kann. Das Gericht hat sich im Wesentlichen auf
eine Plausibilitätsprüfung zu beschränken, ohne die eigene Einschätzung an die
Stelle der Vorausschau des Unternehmens setzen zu könne. Hiervon ausgehend,
mögen die Beanstandungen wegen zu negativer Prognose, wegen mangelnder .
Berücksichtigung verschiedener Gesichtspunkte (zum Beispiel Synergien) und
wegen übertrieben hoher Kostenplanungen beachtenswert sein. Ihnen stehen
allerdings die Ausführungen der Antragsgegnerin gegenüber, die sich mit den Rügen
im Einzelnen befasst und die Planung der LINOS AG zumindest nachvollziehbar
erklärt. Dies gilt vor allem für die Aufwandserhöhungen. Eine gleichwohl wesentliche
Steigerung des Ertragswertes der LINOS AG in einem für die Erhöhung der
Barabfindung erforderlichen Umfang lässt sich aus den Bewertungsrügen nicht
herleiten.
VII.
Nach den von der Bewertungsgutachterin und der Prüferin bestätigten Angaben der
Antragsgegnerin lag bei der LINOS AG zum BewertUngsstichtag auch kein nicht
betriebsnotwendiges Vermögen in Form von Grundstücken; Gebäuden oder
Liquidität vor. Von den liquiden Mitteln, in Höhe von 11,4 Mio EUR _seien, so lautet der
Vortrag der Antragsgegnerin, rund 6,3 Mio EUR aufgrund des Beherrschungs- und
Gewinnabführungsvertrages an die Muttergesellschaft abzuführen gewesen, zum
anderen habe die LINOS AG durch Verpfändung von Bankkonten Sicherheiten
sowohl für eigene Kredite als auch für Darlehen anderer Mitglieder der
gestellt. Das Ausbildungszentrum optische Technologien GmbH, an dem die
LINOS AG mit 50 % beteiligt gewesen sei, habe sich zum 31. Dezember 2007 in
Liquidation befunden und sei mit einem Wert von 29.022,00 EUR in die Bewertung
eingeflossen. Tatsächlich habe der Liquidationserlös nur 27.312,36 EUR betragen.
Was die LINOS Real Estate GmbH betreffe, sei zwar deren Hauptaufgabe der Kauf,
der Bau und die Verwaltung von Grundstücken und Gebäuden sowie deren
Vermietung. Es handele sich hierbei aber ausschliesslich um betriebsnotwendige
Grundstücke und Gebäude der LINOS-Verwaltung, die hier gebündelt und an andere
Konzerngesellschaften vermietet worden seien. Damit hat die Antragsgegnerin
hinreichend glaubhaft gemacht, dass nicht betriebsnotwendiges Vermögen zum
Stichtag nicht vorhanden war.
VIII.
Die Ableitung des Kapitalisierungszinssatzes begegnet ebenfalls keinen Bedenken.
Den Basiszinssatz hat die vom Gericht bestellte Prüferin - die nicht die Aufgabe
hatte, eine eigene Unternehmensbewertung vorzunehmen, sondern das
Bewertungsgutachten auf Nachvollziehbarkeit und Stichhaltigkeit hin zu untersuchen
- auf der Grundlage der Zinsstrukturdaten der Deutschen Bundesbank mit 4,75 %
vor Steuern errechnet. Dagegen gibt es nichts zu erinnern (Vgl. auch OLG

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Düsseldorf, AG 2012, 797 für November 2007). Die Kammer hält die
Berechnungsweise in übereinstimmung mit der obergerichtlichen Rechtsprechung
(Nachweise bei Wüstemann, BB-Rechtsprechungsreport: Unternehmensbewertung
2008/2009, BB 2009,.1518;1520) für sachgerecht.
Die Bestimmung des Risikozuschlages alS Produkt der Marktrisikoprämie und des
Betafaktors auf der Grundlage beobachtbarer Kapitalmarktdaten nach dem
Verfahren des Capital Asset Pricing Model (CAPM) ist nicht zu beanstanden. Dieses
Bewertungsmodell ist zwar nicht unumstritten, wird aber von der
Wirtschaftswissenschaft, von der es entwickelt worden ist, als am ehesten
brauchbare Methode angesehen und ist insbesondere in der betriebswirtschaftlichen
Praxis allgemein anerkannt. Auch vät) der obergerichtlichen Rechtsprechung (OLG
Celle vorn 19. April 2007 - 9 W 53/06, AG 2007, 865; OLG Düsseldorf vom 7. Mai
2008 - 1-26 W 16/06 AktE; OLG Karlsrühe vom 16. Juli 2008 - 12 W 16/02; KG
Berlin vom 14.' Januar 2009 - 2 W 68/07) wird das CAPM als plausibler Weg, zur
Ermittlung des RisikozuschlageS akzeptiert.
Die vorn Gericht bestellte Prüferin ist bei der Schätzung der .Marktrisikoprämie zu
einem Mittelwert von 5,0 % gelangt. Dies entspricht der Empfehlung des Instituts der
Wirtschaftsprüfer (IDW), das ab dem 31. Dezember 2004 eine. Marktrisikoprämie
nach persönliohen Ertragssteuern von 5,0 % bis 6,0 % für angemessen hält (zitiert
bei Grossfeld, Recht der Unternehmensbewertung, 5. Aufläge 2009, Rdnr. 725). Das
Oberlandesgericht Düsseldorf (a.a.0) hält eine Marktrisikoprämie von 5 % für einen
Bewertungsstichtag im November 2007 für vertretbar. Da sich bis zu dem hier
massgeblichen Stichtag am 26. August 2008 die Bewertungsgrundlagen kaum
geändert haben, erscheint 'die Einschätzung det sachverständigen Prüferin als
zumindest vertretbar angesichts des Umstandes, dass sich für die Ermittlung der
Marktrisikoprämie noch kein einheitlicher Standard herausgebildet hat.
Dass der Betafaktor unangemessen hoch angesetzt worden ist, vermag das Gericht
nicht lestzustellen. Die vom Gericht bestellte Prüferin hat die Einschätzung der
Bewertungsgutachter nachvollzogen und für angemessen erachtet. Sie meint, der
unverschuldete Betafaktor von 1,0 sei eine aus Sicht der Minderheitsaktionäre
vorteilhafte Festlegung: Auch die Kammer hält es für sachgerecht, dass der
unternehmenseigene Betafaktor der LINOS AG nicht für die Ermittlung der
Risikoprämie herangezogen worden ist. Denn die Ankündigung . des
Übernahmeangebotes hat - wie die Prüferin feststellt - den Aktienkurs positiv
beeinfluSst. Ausserdem leuchtet es ein, dass spätestens seit dem Abschluss des
Beherrschüngs- und. GewinnalDführungsvertrages das Risiko der gehandelten
LINOS-Aktien nicht mehr dem einer vergleichbaren Aktie ohne einen solchen Vertrag
entsprochen hat. Die Übertragung der Aktien war nach dem Abschluss des
Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrages vorhersehbar: Die
Zusammensetzung der Peer Group wird standardmässig von Antragstellern in
.

Spruchverfahren als willkürlich bezeichnet.
Angesichts der noch zum Bewertungszeitpunkt erwarteten niedrigen Inflationsraten
ist auch ein Wachstumsabschlag von 1,5 % nicht zu niedrig angesetzt.