{"id":3748,"date":"2024-09-03T10:15:00","date_gmt":"2024-09-03T08:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spruchverfahren-direkt.de\/?p=3748"},"modified":"2024-09-04T11:35:08","modified_gmt":"2024-09-04T09:35:08","slug":"die-goettliche-der-fall-mckesson-europe-ag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spruchverfahren-direkt.de\/?p=3748","title":{"rendered":"Die G\u00f6ttliche: Der Fall McKesson Europe AG"},"content":{"rendered":"<p class=\"Rand0mm\">Am 1. Mai 1835 wurde die McKesson Europe AG als Gehe &amp; Comp. Drogerie- und Farbwarenhandlung gegr\u00fcndet. 1903 erfolgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft und ein Jahrhundert sp\u00e4ter die Umfirmierung in Celesio AG. <!--more--><\/p>\n<p>Celesio ist ein Kunstwort, abgeleitet aus dem Lateinischen (caelestis = himmlisch bzw. g\u00f6ttlich).<\/p>\n<p>Durch zahlreiche \u00dcbernahmen expandierte die Gesellschaft ab den 1950er Jahren stark und entwickelte sich bis Mitte der 2010er Jahre zu einem der f\u00fchrenden Handels- und Dienstleistungsunternehmen im Pharmamarkt.<\/p>\n<p>Im Oktober 2013 k\u00fcndigte die McKesson Corp. die \u00dcbernahme der Mehrheit der Anteile an der Gesellschaft vom damaligen Hauptaktion\u00e4r Franz Haniel &amp; Cie. an. Nachdem ein erstes \u00dcbernahmeangebot zum Preis von 23,00 Euro scheiterte, weil die zur Bedingung erhobene Annahmeschwelle von 75 Prozent der Aktien nicht erreicht wurde, wurde im Februar 2014 ein verbessertes Angebot zum Preis von 23,50 Euro je Aktie unterbreitet. Dabei hatte sich die McKesson\u00a0Corp. durch den parallelen Erwerb von Wandelschuldverschreibungen das \u00dcberschreiten der 75-Prozent-Schwelle gesichert.<\/p>\n<p>Ganz mit rechten Dingen ging das Angebot nicht zu: Denn im November 2017 erkl\u00e4rte der Bundesgerichtshof den \u00dcbernahmepreis f\u00fcr rechtswidrig, weil die McKesson Corp. h\u00f6here Vorerwerbspreise aus den Wandelschuldverschreibungen von 30,94 Euro bzw. 30,95 Euro\u00a0 je Aktie verschwiegen und stattdessen nur solche in H\u00f6he von 19,05 Euro bis 21,66 Euro je Aktie behauptet hatte.<\/p>\n<p>Am 22. Mai 2014 schlossen die damals noch als Celesio AG firmierende Gesellschaft (als beherrschte) und die Dragonfly GmbH &amp; Co. KGaA, ein Investmentvehikel der McKesson Corp., (als herrschendes Unternehmen) einen Beherrschungs- und Gewinnabf\u00fchrungsvertrag, dem die ordentliche Hauptversammlung der Gesellschaft vom 15. Juli 2014 ihre Zustimmung erteilte. Der Vertrag wurde durch Eintragung im Handelsregister am 2. Dezember 2014 wirksam.<\/p>\n<p>Gem\u00e4\u00df dessen \u00a7 4 verpflichtete sich die Antragsgegnerin zur Zahlung eines j\u00e4hrlichen Ausgleichs in H\u00f6he von 0,83 Euro (brutto) je Aktie der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Ausgleichszahlung, ebenso wie die Abfindung in H\u00f6he von 22,99 Euro je Aktie, wurden in einem Spruchverfahren vom Oberlandesgericht Stuttgart rechtskr\u00e4ftig als angemessen beurteilt.<\/p>\n<p>Die Muttergesellschaft, McKesson Corp., ist stark in den Opioidskandal in den USA verwickelt. Ab 1996 wurden dort durch Lobbyzahlungen an Politiker Schmerzmittel zugelassen, welche zur Abh\u00e4ngigkeit f\u00fchrten und welche in Deutschland schon seit fast einem Jahrhundert als Bet\u00e4ubungsmittel eingestuft wurden. In Folge der Abh\u00e4ngigkeit von den Opioiden stieg die Anzahl der Drogenabh\u00e4ngigen in den USA und die Zahl der Drogentoten stark an. Die McKesson Corp. war einer der Hauptvertriebspartner der Opioiden.<\/p>\n<p>Zur Abwendung von Klagen stimmte ein Pharmakonsortium, dem auch die McKesson Corp. angeh\u00f6rte, in 2022 einem Vergleich zu, welcher Schadensersatzzahlungen in H\u00f6he von gesamt rund 26 Milliarden USD vorsieht; allein auf die McKesson Corp. entfallen davon 7,4 Milliarden USD.<\/p>\n<p>Im Juli 2021 k\u00fcndigte die McKesson Corp. deshalb den Verkauf ihres Europagesch\u00e4fts an. Entsprechend wurde der Gesch\u00e4ftsbetrieb der Gesellschaft von der McKesson Europe AG von der McKesson Corp. ausgepl\u00fcndert und verkauft.<\/p>\n<p>Zum Stichtag der \u00dcbertragung der Minderheitsaktion\u00e4re befand sich die McKesson Europe AG bereits im Besitz der Mannheimer PHOENIX\u00a0group, dem europaweit f\u00fchrenden Pharmagro\u00dfh\u00e4ndler.<\/p>\n<p><strong>Die Bewertung<\/strong><\/p>\n<p>Nicht nur seit der &#8222;WCM&#8220;-Entscheidung des Bundesgerichtshofs (vom 21.02.2023 \u2013 II ZB 12\/21) steht die Frage einer m\u00f6glichen Bewertung nur nach dem B\u00f6rsenkurs im Vordergrund; auch das zust\u00e4ndige Landgericht\u00a0Stuttgart ist f\u00fcr seine B\u00f6rsenkursaffinit\u00e4t bekannt (Beschl\u00fcsse vom 03.04.2018 \u2013 31 O 138\/15 KfH SpruchG [K\u00e4ssbohrer] und vom 08.05.2019 \u2013 31 O 25\/19 KfH SpruchG [EUWAX]).<\/p>\n<p>Jedoch sind die Aktien der McKesson Europe AG seit 2015\/2016 delisted, weshalb auch seitdem keine Corporate News mehr von der Gesellschaft ver\u00f6ffentlicht wurden. Zwar wurden die Aktien bis zum Squeeze-out noch (ohne Veranlassung der Gesellschaft) an der B\u00f6rse Hamburg im Freiverkehr gehandelt, jedoch misst auch die Antragsgegnerin dem B\u00f6rsenkurs keine Bedeutung zu.<\/p>\n<p>Den Ertragswert behauptet die Antragsgegnerin noch unterhalb des B\u00f6rsenkurses mit nur 3,6\u00a0Mrd.\u00a0Euro. Allein durch die von der McKesson\u00a0Corp. vorgenommene Pl\u00fcnderung des Gesch\u00e4ftsbetriebs musste die Gesellschaft einen Verlust in H\u00f6he von fast 1\u00a0Mrd.\u00a0Euro verbuchen.<\/p>\n<p>Die Barabfindung wurde daher von der Antragsgegnerin \u2013 entsprechend den Vorgaben der &#8222;Wella&#8220;-Entscheidung des Bundesgerichtshofs (vom 15.09.2020 \u2013II ZB 6\/20) \u2013 in H\u00f6he des Barwerts der Ausgleichszahlungen aus dem Beherrschungs- und Gewinnabf\u00fchrungsvertrag mit 24,13\u00a0Euro je Aktie (entspricht einem Unternehmenswert in H\u00f6he von 4,9\u00a0Mrd.\u00a0Euro) festgelegt.<\/p>\n<p><strong>Das Spruchverfahren<\/strong><\/p>\n<p>Die au\u00dferordentliche Hauptversammlung der Gesellschaft vom 6. April 2023 hat den Ausschluss der Minderheitsaktion\u00e4re mit 193.226.600 von 194.227.782 abgegebenen g\u00fcltigen Stimmen beschlossen.<\/p>\n<p>Der Ausschluss der Minderheitsaktion\u00e4re wurde mit Eintragung im Handelsregister am 14. Juni 2023 wirksam.<\/p>\n<p>Die Wertverh\u00e4ltnisse stellen sich laut Berichtslage wie folgt dar:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3750\" src=\"https:\/\/www.spruchverfahren-direkt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Bild-McKesson.png\" alt=\"\" width=\"519\" height=\"283\" srcset=\"https:\/\/www.spruchverfahren-direkt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Bild-McKesson.png 519w, https:\/\/www.spruchverfahren-direkt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Bild-McKesson-300x164.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 519px) 100vw, 519px\" \/><\/p>\n<p><strong>Kritikpunkte der Antragsteller<\/strong><\/p>\n<p>Einer alleinigen Bewertung der Anteile nach dem B\u00f6rsenkurs d\u00fcrfte schon aufgrund des bereits in 2015\/2016 vollzogenen Delisting der Boden entzogen sein.<\/p>\n<p>Auch ist mit einer Anpassung des Ertragswerts beim hier zust\u00e4ndigen Landgericht Stuttgart kaum zu rechnen. Denn dieses zeichnet sich durch die geringsten Erfolgsquoten in Spruchverfahren in ganz Deutschland aus.<\/p>\n<p>Hauptkritikpunkt ist daher die Berechnung des Barwerts der Ausgleichszahlungen:<\/p>\n<p>Diese d\u00fcrfte zwar methodisch richtig aus dem rechtskr\u00e4ftig festgelegten Ausgleich abgeleitet worden sein; jedoch d\u00fcrfte der Diskontierungszinssatz der zuk\u00fcnftigen j\u00e4hrlichen Zahlungen zum Zankapfel im Spruchverfahren werden. F\u00fcr diesen gilt \u2013 wie auch bei der Bestimmung des Ertragswerts: Je h\u00f6her der Zinssatz, desto niedriger die Barabfindung.<\/p>\n<p>Der Basiszinssatz betr\u00e4gt zum Stichtag, entsprechend den Berechnungsvorgaben des IDW, ungerundet 2,22\u00a0Prozent; von der Antragsgegnerin wurde dieser auf 2,25\u00a0Prozent aufgerundet.<\/p>\n<p>Den Risikozuschlag hat die Antragsgegnerin aus dem Credit Spread von der McKesson Corp. begebener Anleihen mit 1,5\u00a0Prozent ermittelt.<\/p>\n<p>Allerdings hatte die McKesson\u00a0Corp. ihre Anteile an der Antragsgegnerin bereits vor dem Bewertungsstichtag an die PHOENIX group verkauft, weswegen die Antragsteller auf deren Risikoprofil abstellen.<\/p>\n<p>Die PHOENIX hat selbst eine Anleihe am Kapitalmarkt plaziert. Deren Verfallrendite (yield to maturity) behuapten die Antragsteller mit 2,39\u00a0Prozent. Im Vergleich zu laufzeitad\u00e4quaten Bundesanleihen, welche eine durchschnittliche Verfallrendite von 2,5\u00a0Prozent aufweisen, ergibt sich kein als Risikozuschlag zu ber\u00fccksichtigender Credit Spread bzw. ist dieser sogar negativ.<\/p>\n<p>Die Antragsteller machen deshalb eine angemessene Barabfindung in H\u00f6he von 36,69\u00a0Euro bis 39,12\u00a0Euro je Aktie geltend.<\/p>\n<p><strong>Die Parteien<\/strong><\/p>\n<p>Zust\u00e4ndiges Gericht: Landgericht Stuttgart<\/p>\n<p>Vorsitzender Richter: Dr. Alexander Schumann<\/p>\n<p>Aktenzeichen: 31 O 68\/23 KfHSpruchG<\/p>\n<p>Antragsgegner: McKesson Europe Holdings GmbH &amp; Co. KGaA (bereits umfimiert in PHOENIX International Beteiligungs GmbH)<\/p>\n<p>Antragsgegnervertreter: Rechtsanw\u00e4lte Gleiss Lutz<\/p>\n<p>Gemeinsamer Vertreter: Rechtsanwalt Ulrich Wecker<\/p>\n<p>Sachverst\u00e4ndiger:<\/p>\n<p>Gesellschaft: McKesson Europe AG (WKN: CLS100, ISIN: DE000CLS1001)<\/p>\n<p><strong>Der aktuelle Verfahrensstand<\/strong><\/p>\n<p>Die au\u00dferordentliche Hauptversammlung der Gesellschaft vom 6. April 2023 hat den Ausschluss der Minderheitsaktion\u00e4re wie folgt beschlossen:<\/p>\n<p><em> \u201eDie Aktien der \u00fcbrigen Aktion\u00e4re (Minderheitsaktion\u00e4re) der McKesson Europe AG werden gem\u00e4\u00df \u00a7\u00a7 72 Satz 1, 62 Abs. 5 UmwG, 327 a ff. AktG gegen Gew\u00e4hrung einer Barabfindung von 24,13 EUR je St\u00fcckaktie der McKesson Europe AG auf die McKesson Europe Holdings GmbH &amp; Co. KG aA mit Sitz in Stuttgart als Hauptaktion\u00e4r \u00fcbertragen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Von der Ma\u00dfnahme sind 10.218.677 St\u00fcck auf den Namen lautende St\u00fcckaktien der McKesson Europe AG betroffen.<\/p>\n<p>Die Frist zur Stellung eines Antrags auf gerichtliche Bestimmung einer angemessenen Barabfindung endete am 14. September 2023.<\/p>\n<p><strong>Die Termine<\/strong><\/p>\n<p>24. Februar 2023 &#8211; Einladung zur au\u00dferordentlichen Hauptversammlung<\/p>\n<p>6. April 2023 &#8211; Au\u00dferordentliche Hauptversammlung zum Squeeze-out<\/p>\n<p>14. Juni 2023 &#8211; Eintragung des Squeeze-out-Beschlusses im Handelsregister<\/p>\n<p>14. September 2023 &#8211; Ende der Frist zur Einleitung eines Spruchverfahrens<\/p>\n<p>27. November 2023 &#8211; Bestimmung gem. Vertreter<\/p>\n<p>20. Juni 2024 &#8211; Antragserwiderung<\/p>\n<p>(Stand: 03.09.2024)<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 1. Mai 1835 wurde die McKesson Europe AG als Gehe &amp; Comp. Drogerie- und Farbwarenhandlung gegr\u00fcndet. 1903 erfolgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft und ein Jahrhundert sp\u00e4ter die Umfirmierung in Celesio AG.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"om_disable_all_campaigns":false,"sfsi_plus_gutenberg_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_show_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_type":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_alignemt":"","sfsi_plus_gutenburg_max_per_row":"","_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"_uf_show_specific_survey":0,"_uf_disable_surveys":false,"_genesis_hide_title":false,"_genesis_hide_breadcrumbs":false,"_genesis_hide_singular_image":false,"_genesis_hide_footer_widgets":false,"_genesis_custom_body_class":"","_genesis_custom_post_class":"","_genesis_layout":"","footnotes":""},"categories":[13],"tags":[239],"class_list":{"0":"post-3748","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","6":"category-berichte-aus-spruchverfahren","7":"tag-mckesson-europe-ag","8":"entry","9":"has-post-thumbnail"},"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.spruchverfahren-direkt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3748","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.spruchverfahren-direkt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.spruchverfahren-direkt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spruchverfahren-direkt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spruchverfahren-direkt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3748"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.spruchverfahren-direkt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3748\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.spruchverfahren-direkt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3748"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spruchverfahren-direkt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3748"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spruchverfahren-direkt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3748"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}